Im Wirtshaus, am Tresen Sarrazin

Posted on 17. September 2010

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Auch den ausdauerndsten Schwadronierern in Wirtshäusern passiert es allenthalben, daß sie nach einem ausschweifenden Monolog, vom eigenen Monolog erschlagen und erschöpft, verstummen und oft drei bis vier Minuten benötigen, um in den nächsten Monolog hineinzufinden, zu Beginn zögerlich, stockend, als ob sie tief denken würden, nach den rechten Formulierungen suchten, als ginge es um Thesen

Thilo Sarrazin hat es ab jetzt, steht er am Tresen, aber viel leichter. Er kann sein Buch zur Hand nehmen und sein Schwadronieren vorlesen, von der ersten Seite bis zur letzten Seite, und ist das Buch durchschwadroniert, kann er sofort wieder von vorne beginnen, das Blättern auf die erste Seite dauert kaum mehr als drei Sekunden, wodurch die von Monologisten allein als peinlich empfundene Stille nicht eintreten kann …

Nur für den Gast, der sich zur gleichen Zeit mit Sarrazin im Wirtshaus aufhält, ändert sich nichts. Schwadronierer haben die Gabe, ihre Monologe zu tarnen, als würden sie tatsächlich das Wort an Dritte richten, sich Antworten erwarten, einen Dialog … Das ist eine der Entscheidungen, die ein Gast im Speichelfadenkreuz eines Schwadronierers zu fällen hat, reagieren oder nicht reagieren …

Und fällt die Entscheidung für ein Reagieren aus, was kann die Antwort darauf sein, wenn Sarrazin lesend schwadroniert,

ein Land aber ist das, was es ist, durch seine Bewohner und deren lebendige geistige sowie kulturelle Tradition. Ohne die Menschen wäre es lediglich eine geographische Bezeichnung.

Um in Schwadronierern nicht große unangenehme Erregungen, mit denen dann vor allem die Thekenkraft zurechtkommen muß, auszulösen, ist es empfehlenswert, wenn ein Schwadronierer gerade zum ersten Mal erlebt wird, also noch keine Erfahrungen vorliegen, wie ein Stammschwadronierer in ruhigen Bahnen gehalten werden kann, das Gehörte einfach langsam und nur für sich in der Betonung dessen Wert hörbar machend zu wiederholen,

ohne
die
Menschen
wäre es
lediglich eine
geographische
Bezeichnung

Eine Wiederholung hat zumeist auch den angenehmen Effekt, daß Schwadronierer wenigstens kurz verstummen, um das Eigene in der Wiederholung durch Dritte zu hören und sich derart selbst nickend zuzustimmen. Wie noch irgend etwas bezeichnet sein kann, ohne … Diese Frage wäre eine der alternative Reaktionen, aber diese ist nur zu empfehlen, wenn das Wirtshaus in den nächsten zwei Minuten ohnehin verlassen werden will. Auf Fragen reagieren Schwadronierer zumeist mit in den Hauptmonolog eingeschobenen Monologen, mindestens in der Länge des Hauptmonologes.

Zumeist ist es aber gar nicht notwendig, darüber nachzudenken, welches Verhalten einem Schwadronierer gegenüber angemessen ist; denn sie reagieren ohnehin nur auf ihre eigenen Stichworte, die sie sich auf wundersame Weise unhörbar für Dritte selbst zurufen können …

Wir nehmen als unvermeidlich hin, dass Deutschland kleiner und dümmer wird. Wir wollen nicht darüber nachdenken, geschweige denn darüber reden. Aber wir machen uns Gedanken über das Weltklima in 100 oder 500 Jahren. Mit Blick auf das deutsche Staatswesen ist das völlig unlogisch, denn beim gegenwärtigen demographischen Trend wird Deutschland in 100 Jahren noch 25 Millionen, in 200 Jahren noch 8 Millionen und in 300 Jahren noch 3 Millionen Einwohner haben. Warum sollte uns das Klima in 500 Jahren interessieren, wenn das deutsche Gesellschaftsprogramm auf die Abschaffung der Deutschen hinausläuft?

Wenigstens für die 3 Millionen in 500, beinahe laut gefragt und auch schon als gedachte Frage, in der Qualität einer Pointe im Kabarett, gleich wieder verworfen und vergessen, wie das gesamte Gehörte, weil in solchen Fällen oft der Briefträger die ersehnte Unterbrechung bringt, um nicht weiter beschallt und gedrängt zu werden, auf das Schwadronierte doch noch reagieren zu müssen; denn der Briefträger, der weiß, wo er den Schwadronierer antreffen kann, ihm also die Rente zum Tresen nachträgt, ist jetzt arm dran. Der Briefträger gerät mitten in das Speichelfadenkreuz … Und in diesem Moment kann das Wirtshaus schnell ohne Gewissensbisse, sich nicht zu verabschieden, verlassen und für den Briefträger gehofft werden, daß er ein ordentliches Trinkgeld bekommt … Könnte ein guter Trinkgeldtag sein, immerhin hat Thilo Sarrazin ja auch gerade noch was ordentliches auf seine Rente …

Auf der Straße schon, nach einem Erlebnis mit einem Schwadronierer, drängen sich manchmal noch Fragen auf, die doch gestellt hätten werden können, etwa, was wird, sofern diese einem Schwadronierer überhaupt interessieren und bekannt sind, von ihm zu den Ergebnissen von Forschungen gesagt, die die Ungleichheit für mannigfaltige gesellschaftliche Probleme, vollkommen unabhängig von der eigenen wie auch fremden nationalen Zuordnung, ausmachen … Schwadronierern sollen aber derartige Fragen nur zugerufen werden, an verregneten Sonntagen, die Museen geschlossen sind, kein Zirkus in der Stadt ist, Kartenspiele auch keine Kurzweiligkeit versprechen, und befürchtet werden muß, auch der Stammschwadronierer ist nicht in bester Form, um das Theater der Monologe durchgehend und flüssig zu bespielen, und dann nur noch eines bliebe zum Vertreiben der Langeweile, den Regentropfen …

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