Das Leben ein Almosen den Zuspätgeborenen

Posted on 21. Juni 2010

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Es gibt Lyriker, auch und wohl vor allem in diesem Land, die möglicherweise mit ihrem Schicksal, zu spät geboren worden zu sein, hadern, weil die Gegenwart für sie, die sich für Großes geboren wähnen, nur Almosen bereithält, soher ihre späte Geburt als Fluch empfinden, mit dem sie all jene zu belegen sich vornehmen, die nichts aus dieser Diktatur für Bewahrenswert erachten, sondern vor allem als Fall der Kriminalgeschichte … Und, nebenbei bemerkt, nicht nur Lyrikerinnen, auch beispielsweise Funktionäre, die von einer sozialen Heimat …

Wolf Martin ist möglicherweise einer von diesen Lyrikern, die heute, in einer führerlosen Zeit, in der Stunde, als einer ganzen Redaktion ihr Herr genommen ward, sich von der Vorsehung berufen fühlen, Führergedichte ohne Führer zu schreiben.

Mit Führer, ohne Führer, Reime für den Wind, damals wie heute leider weiter

Windreime: mit Führer damals, ohne Führer heute

Wäre Wolf Martin damals, als es noch Führer gab, schon ein junger Mann gewesen, das Deutsche Reich und auch das Österreich bereits vor 1938 hätte ihn mit der Feder in der Hand beispielsweise mit einer Ingeborg Teuffenbach um die schönsten und tiefsten Führergedichte im Kampf erleben dürfen. Und es hätte durchaus sein können, daß Wolf Martin aus diesem Wettstreit, bekränzt als Sieger, aufgestiegen wäre zum Ersten Staats-Sänger des Führers …

Erster Staats-Sänger des Führers, das wäre wohl der rechte Platz gewesen für einen … Aber die Zeiten sind nicht dafür. Die Zeiten reichen gerade noch, ein Windreimer der gutter press …

Wolf Martin hat ein Abschiedsgedicht geschrieben, für seinen Arbeitgeber …

Aber beim Lesen dieser treuen Reime zur Ehre seines Arbeitsgebers stellt sich die Vorstellung ein, zum Ableben von Adolf Hitler hätten keine anderen, keine besseren …

So schlimm ist es also in Österreich geistig geblieben, daß auch nach Jahrzehnten ein Arbeitgeber nicht anders gewürdigt werden kann, als im Stile von Führergedichten. Das Schlimme daran ist freilich nicht, daß derartige Gedichte geschrieben werden, sondern wo solche veröffentlicht werden, nämlich in einer mit höchster Auflage belohnten Tageszeitung, geschrieben für einen Unternehmer, dem, die Spirale zum geistig noch Schlimmeren dreht sich weiter, die Staatsspitze gehorsam den Rosenkranz betet von Erfolg, Anständigkeit,  Bevölkerungsohr …

Posted in: Chronik