Nordkorea – Eine gescheiterte Inszenierung des Besonderen im MAK

Posted on 28. Mai 2010

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Im Falle der Nordkoreaner waren es zumeist die politische Unterdrückung und die wirtschaftliche Krise ihres Landes, die sie illegal die Grenze nach China überqueren ließen. Wenn sie von den chinesischen Behörden gefasst und nach Nordkorea abgeschoben wurden, drohte ihnen dort Festnahme, Zwangsarbeit, Folter und in einigen Fällen der Tod in der Haft. China betrachtete alle Nordkoreaner ohne Ausweispapiere nicht als Flüchtlinge, sondern als Migranten mit ökonomischen Motiven und gestattete dem Amt des UN-Hochkommissars für Flüchtlinge weiterhin keinen Kontakt zu ihnen. Der UN-Sonderberichterstatter über die Menschenrechtssituation in der Demokratischen Volksrepublik Korea stellte 2009 fest, dass die meisten Nordkoreaner, die die Grenze zu China überquerten, einen Anspruch auf internationalen Schutz hätten, da sie bei einer Rückkehr Verfolgung oder Bestrafung befürchten müssten.

Die nordkoreanischen Behörden verweigerten den Bürgern weiterhin auch die Bewegungsfreiheit innerhalb des Landes. Für einen Wohnungswechsel benötigten die Menschen eine offizielle Erlaubnis. Zwar sollen die Behörden die Anwendung dieser Regelung etwas gelockert haben, da Tausende ihre Heimatorte auf der Suche nach Nahrungsmitteln oder Verdienstmöglichkeiten verlassen hatten, doch waren die Menschen durch das geltende Gesetz weiterhin angreifbar und wurden von Beamten häufig erpresst.

Dieser Auszug aus dem Amnesty Report 2010 ist voranzustellen, ehe, einmal noch, zu sagen ist, daß die Inszenierung der Ausstellung im MAK als eine besondere Ausstellung vollkommen gescheitert ist und nur eines offenbart, die schnelle Bereitschaft zum Erblinden für eine Diktatur. Und mit was für einem Ergebnis? Um doch nur Aufgewärmtes und Informationsleeres auszustellen, in einem einer Diktatur förderlichen Sinn.

Denn Nordkorea ist nicht unbekannt. Vor allem für jene, die sich über Nordkorea informieren wollen, die Bilder von Nordkorea sehen wollen, und andere als jene, die sich ohnehin informieren wollen, wird die Ausstellung im MAK kaum bis nicht erreichen. Und jene, denen bis zu dieser Ausstellung Nordkorea tatsächlich unbekannt war, werden die Ausstellung mehr desinformiert als informiert verlassen.

Nordkorea – war da nicht was? Ja, doch, Steinzeitkommunismus, Nahrungsmangel als Waffe gegen Unliebsame, Gerüchte über verschwundene und gefolterte Dissidenten, Atomtests. Man kann nicht sagen, dass Nordkorea in den Nachrichten nie vorkäme. Aber so, wie es vorkommt, will daraus bisher einfach kein Gesamteindruck entstehen. Es bleibt vielmehr bei nebulösen Eindrücken, denen man nicht so recht zu trauen vermag. Woran liegt das?

Christian Kracht bietet im Vorwort des neuen Buches »Die totale Erinnerung« eine Antwort auf diese Frage an. »Das Bild Nordkoreas, das wir uns machen, ist dadurch geprägt, dass wir aus diesem Land so wenige Bilder haben«, schreibt er, bevor die Regisseurin und Autorin Eva Munz und der Designer und Fotograf Lukas Nikol diesem Bildermangel ein Ende bereiten. Auf mehr als 100 Fotos zeigen sie uns Ausschnitte aus der Architektur und der Lebenswelt eines weithin unbekannten, schlecht beleumdeten Landes und vor allem von seiner Hauptstadt Pjöngjang.

Es ist kein neutraler Blick, der Kracht, Munz und Nikol leitet, sondern ein vom Staat erzwungener. Darauf macht Kracht, den man bisher nur als Popliteraten und Medientausendsassa kannte, im Vorwort aufmerksam: »Die paar tausend ausländischen Touristen und die vereinzelten ausländischen Journalisten und Geschäftsleute, die jährlich nach Pjöngjang kommen dürfen, werden von einer Vielzahl von Aufsehern begleitet, beschützt und gelenkt – ihr Blick wird gesteuert –, sie sehen nichts, was ihnen nicht vom Regime gezeigt wird.« Und wo der Staat alle nur denkbaren Bereiche in sich vereint, also so total ist wie in Nordkorea, da kommt man am Staats- und Parteichef Kim Jong Il erst recht nicht vorbei.

Kracht, Munz und Nikol haben aus diesem Zwang das Beste gemacht. Die aufgenommenen Bilder sind im Buch arrangiert rund um Aussprüche Kim Jong Ils, der als leidenschaftlicher Freund der Filmkunst gilt. Das erste Foto zeigt den Präsidenten hinter der Kamera, ergänzt wird es durch sein Zitat: »Ein Film beginnt mit den Details, aber am Ende nimmt er große Formen an. Das ist auch im allgemeinen Leben so.«

Wir sehen Denkmäler, Stadtansichten, Landschaftsaufnahmen, Propagandaplakate und begeisterte Volksmassen, aber ganz nebenbei sickern immer mehr Bilder aus der Alltags- und Arbeitswelt ein: Junge Leute in einer Bar, medizinisches Fachpersonal, Studenten, graue Wohnblöcke. Fast jedes dieser Fotos ist an Zitate aus Kims Büchern gekoppelt und macht damit deutlich, dass alles inszeniert und choreografiert ist.

Der gesamte Artikel zu diesem Fotoband: Bilder aus einer inszenierten Welt.

Der Auszug aus diesem Artikel zu diesem Fotoband, veröffentlicht 2006, macht bereits eines klar, allein dieses Buch informiert mehr über Nordkorea als die Ausstellung im MAK es je vermag.

Peter Noever, Claudia Schmied, Andrea Schurian u.a.m. erzählen ein Märchen. Dem im Bett liegenden Kim Il Sung, der ihnen, an seinem kapitalistischen Getränk ab und an nippend, befriedigt darüber, von seiner Wirklichkeit zu hören, freundlich sie lobend und ermunternd zulächelt. Das Märchen von einer Ausstellung, die erstmalig eine Sicht auf eine fremde Kultur …

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