Wer gläubig mordet, mordet leicht und gewissensfrei

Posted on 17. Juli 2009

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Vorab ist zu schreiben, es ist erfreulich zu lesen, daß die Kampagne nun ohne Einschränkung gestartet wurde, es also  klar ausgesprochen wird: »Es gibt keinen Gott.«

Und vorab ist, wieder einmal notwendig, klarzustellen, daß es längst nicht mehr um die Frage geht, ob es einen Gott gibt oder nicht, daß es längst nicht mehr um Glauben oder Nichtglauben geht, sondern stets nur um die realen und also immer brutalen Auswirkungen von Religionen.

Es sind diesmal Aussagen, wieder einmal, von einem Kirchenmann nach ihrem tatsächlichen Wert zu verrechnen. Hierzu ist anzumerken, auch dieser Kirchenmann ist ein bedeutender Mann lediglich in den Kreuzgängen seiner Organisation; denn das Denken dieses Kirchenmannes ist ebenfalls kein Denken, das Entscheidendes zur gesellschaftlichen Entwicklung beitragen könnte. Christoph Schönborn aber wird ein derart hoher gesellschaftlicher Stellenwert aufgrund seiner beruflichen Position außerhalb seiner Organisierten Religion zuerkannt, der es nicht zuläßt, seine Aussagen zu ignorieren, auch wenn das von ihm Gedachte, genauer gesagt: das von ihm Gegläubigte, längst schon Überholtes, längst schon Untaugliches ist.

Christoph Schönborn schreibt am 12. Juni 2009 in der Zeitung »Heute« u.a.:

Wie jedes Jahr gehen gläubige Katholiken in Prozessionen durch die Straßen und Gassen unseres Landes. Was ist mit den Atheisten, woran „glauben“ sie? Einer der Initiatoren ist der bekannte Biologe Richard Dawkins, der gegen die christliche Schöpfungslehre kämpft. Wir haben Religionsfreiheit. Und daher auch die Freiheit, nicht an Gott zu glauben. Gut ist auch, daß es vielen nicht gleichgültig ist, ob Gott existiert oder nicht. Gut ist die öffentliche Debatte darüber. Sie darf nur nicht den anderen lächerlich machen. Sie muss argumentieren, Gründe nennen, warum wir an Gott glauben und warum nicht. Werbesprüche sind keine Argumente.

Wenn gläubige Katholiken auf die Straße gehen, dann nicht zur friedlichen Verkündigung der Menschenliebe, sondern, im harmlosesten Fall, für einen penetranten Werbemarsch. Wenn gläubige Katholikinnen in den Gassen mit ihrer Monstranz vorrücken, dann kann es monströs lebensbedrohlich werden. Und damit wird nicht die Verbrechensgeschichte des Organisierten Römisch-Katholischen angesprochen, sondern auf Gegenwärtiges verwiesen, zum Beispiel auf die Märsche am 13. Juli 2009 in Nordirland: militante Katholiken werfen Brandsätze, setzen Autos in Brand, die sie dann gegen Menschen zurollen lassen, beschädigen zwei von protestantischen Familien bewohnte Häuser …

Verbrennenwollen – katholische Weiterbetätigung treu der abendländischen Kulturtechnik des Scheiterhaufens.

Woran denn Atheisten glauben, fragt Christoph Schönborn. Allein mit dieser Frage offenbart Christoph Schönborn eindrücklich, daß auch er, und das ist ein wesenbestimmendes Merkmal für Gläubige, den Anderen nicht achtet, den Anderen verachtet, den Anderen verneint, den Anderen, dem die Glaubensfrage also sich nicht stellt, auslöschen will, im harmlosesten Fall durch verbale Bekehrung.

Gläubige wollen eine gläubige Welt, oder keine.

Es ist eine reine Unterstellung, eine reine Diffamierung, daß irgendwer gegen die christliche Schöpfungslehre kämpfen müßte. Mit dieser Formulierung unterstellt Christoph Schönborn in diesem konkreten Fall Richard Dawkins Aggression. Aber die Aggression, das Kämpfen hat niemand notwendig, der versucht, wissenschaftliche Welterklärungen zu formulieren. Der einzige, der, wie bekannt ist, kämpft, ist Christoph Schönborn selbst: gegen die Evolution. Aber ohne Argumente bleibt eben in der heutigen Zeit, in Östereich jedenfalls noch, nur der Kampf mit dem Stift in der Hand …

Darüber hinaus ist die Schöpfungslehre, welcher Glaubensgemeinschaft auch immer, absolut zu vernachlässigen; denn diese sind keine Lehren, sondern Erzählungen, die höchstens noch von Interesse sind für Soziologinnen, für Psychologen, für Literaturwissenschaftlerinnen, für Wirtschaftshistoriker …

Christoph Schönborn mag ergeben karrierefördernd die Aufträge seiner Arbeitgeberin, der Organisierten Römisch-Katholischen Kirche, zu ihrer vollsten Zufriedenheit rhetorisch erfüllen, aber außerhalb ihrer Mauern sind es lediglich Leersätze; denn zum Beispiel: es ist tatsächlich gleichgültig, ob Gott existiert oder nicht. Nicht gleichgültig aber ist, was mit diesem Kampfbegriff »Gott« immer noch in der Welt an Leid, Elend, Tod verursacht wird. Darüber und nur darüber ist die öffentliche Debatte breit zu führen.

Es mag Christoph Schönborn großzügig erscheinen, die Freiheit, nicht an Gott zu glauben, zuzugestehen, aber tatsächlich ist es nicht großzügig, sondern gönnerisch, und noch mehr gönnerisch, wird bedacht, daß Nichtgläubige für Gläubige Unwissende, Irrende, Suchende sind, die bekehrt werden müssen. Daher stellt sich in diesem Zusammenhang die Freiheitsfrage so nicht; denn es gibt ein Leben in Freiheit außerhalb des von Gläubigen auch auf Bergen von Asche errichteten Weltkerkers von Glauben und Nichtglauben.

Christoph Schönborn sorgt sich darum, daß Gläubige nicht lächerlich gemacht werden, aber Christoph Schönborn kümmert nicht das persönliche Leid des Anderen, nicht die gesellschaftliche Ausgrenzung des Anderen, nicht die gesellschaftliche Ächtung des Anderen, nicht die gesellschaftliche Verfolgung des Anderen … Wie haben doch, wieder ein aktuelles Beispiel,  Gläubige von mehreren Religionen gemeinsam  in Indien gegen die Straffreiheit von Homosexualität gekämpft. Ein weiteres, aber auch bitter aktuelles Beispiel: gesetzliche Verschärfungen in Litauen. Denken Gläubige oder sind Gläubige wenigstens für Momente fähig, sich einfühlen zu können in den Anderen, um zu erfassen, wie es Menschen, wie es vor allem gläubigen Menschen ergehen muß, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung …

Gläubige wollen nicht lächerlich gemacht werden, aber Gläubige wollen eine nach ihren Gesetzen unterjochte Welt, oder keine.

Auch das ist eine alte und menschgemäße Geschichte: wer keine Argumente hat, wer keine Gründe hat, wer nur Werbesprüche hat, verlangt gebieterisch vom Anderen Argumente, verlangt gebieterisch vom Anderen Gründe und keine Werbesprüche.

Die sogenannte Atheismus-Kampagne hat Werbesprüche, die, das ist zu hoffen, auch in Österreich die breite öffentliche Debatte über das durch den Glauben weiterhin verursachte Elend, über die auch durch den Glauben verursachte Stagnation in der Entwicklung einer humanen Welt bringen wird. Zu überlegen wäre noch, ob diese Werbesprüche nicht gleich in mehreren Sprachen acchiffiert werden sollten, und auch mit den anderen bekannten Begriffen, wie »Allah yoktur« …

Das Organisierte Römisch-Katholische aber hat, wie jede organisierte Religion, nur Kampfrufe. Und mit Kampfrufen gibt es keine Entwicklung, mit Kampfrufen kann nur in die Schlacht gezogen werden, und in Schlachten werden immer die Anderen geschlachtet.

Posted in: Politik, Religion