Eine autoritäre Zukunft zu konstruieren, heißt, eine autoritäre Gegenwartsvergangenheit zu übersehen

Posted on 23. Juni 2009

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Es werden die Ausführungen von Martin Blumenau, Österreich steuere unabwendbar einer autoritären Phase entgegen, fleißig besprochen, zur Lektüre u.a. auch von einem politischen Mandatar empfohlen.

Aber diese Ausführungen, wohl gedacht als Analyse, können der Kategorie Lust am Schauer zugeschlagen werden. Der Wirklichkeit der realverfaßten österreichischen Demokratie werden sie in keiner Weise gerecht.

Den von Martin Blumenau als Argumente für seine Sichtweise angeführten zentralen Punkten

1) das fortgesetzte Schlechtreden von Demokratie
2) das in allen Bereichen propagierte Delegieren von Verantwortung
3) die NLP-mäßige Umprogrammierung von moralischen Standards.

kann, auch,  entgegengesetzt werden:

Die Demokratie wurde in Österreich noch nie breit gutgeredet.

Das Delegieren, verstanden als Verteilen und folglich Wahrnehmen, von Verantwortung in allen Bereichen spräche mehr für eine demokratische Entwicklung, denn für den Weg in eine autoritäre Zukunft.

Überschätzung von NLP in der Breitenwirkung zum einen und zum anderen gebieren die nach wie vor bestehenden moralischen Standards seit je die Ungeheuer der gesellschaftlichen Realität.

Zu diesen drei Entgegenhaltungen ein paar Sätze in Erinnerung an die Realverfassung der österreichischen Demokratie:

Demokratische Entwicklungen wurden (und werden) in Österreich zumeist nicht freudig begrüßt aber still murrend hingenommen, wenn diese Autoritäten wollten (und wollen).

Die Verantwortung wurde und wird in Österreich immer schon in allen Bereichen breit delegiert, genauer gesagt, abgeschoben, in Ermangelung einer besseren Formulierung: von unten nach oben.

Das Ausgerichtetsein auf Autoritäten und informelle autokratische Strukturen ist in Österreich nach wie vor breit verankert. Martin Graf als aktueller Beispielgeber liefert hierfür auch einen guten  Beleg: es wird sein Rücktritt inzwischen zwar breit verlangt: von Demokraten und Demokratinnen. Aber es wird nicht der Rücktritt von jenen verlangt, wie es einer Realdemokratie tatsächlich entsprechen würde, die  dafür verantwortlich sind, also von seinen Wählerinnen und Wählern im Parlament.

Die moralischen Standards waren und sind kaum mehr als Inaktiväten innerhalb der österreichischen Grenzen. Und auf die gesamte Welt bezogen, gab es und gibt es auch in Österreich keine moralischen Standards, die je breit eingehalten oder je breit gefordert wurden. Hinzukommt, daß die Moral an sich schon höchst fragwürdig ist, weil diese ein äußerst subjektives Instrument der Lebensbewältigung ist. Die Moral als Leitbild verhindert mehr die Entwicklung von zivilisatorischen Standards, als sie diese fördert, wenn zivilisatorische Standards u.a. als Gleichberechtigung, Gleichheit, Teilhabe von allen Menschen definiert werden.

Posted in: Politik