Die Hand der Christen hält das Land im Abenddunkel

Posted on 17. Mai 2009

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Wie es jedem (und zuweilen auch jeder) möglich ist, um ein anderes Beispiel aus der Literatur heranzuziehen, ohne politische Aufregungen zu verursachen, mit Hamlets Totenschädel in der Hand von der Bühne zum Publikum zu sprechen, muß es ebenfalls Angehörigen der Ein-Paar-Stiefel-Partei mit den Schäften FPÖ und BZÖ möglich sein, ohne politische Aufregungen zu verursachen, mit Jesus′ Kreuz in der Hand von der Bühne zu ihrem Publikum zu sprechen.

Das Kreuz, das vor ein paar Tagen einer der Heinz-Christian Straches des Schaftes FPÖ in der Hand hielt, um von seiner Bühne herab eine flammende Rede für das Christentum und seiner Partei wesensgemäß gegen andere zu halten, kam heute am 17. Mai 2009 beim Lesen des Sonntagsevangeliums von Christoph Schönborn, einem leitenden Angstellten der römisch-katholischen Kirche im Range eines Kardinals, in der Beilage »Krone bunt« in Erinnerung.

Dieses römisch-katholische Holzkreuz in der Ausführung zum leichten Halten mit einer einzigen Hand: das kann auch ein kleines Schwert sein; dafür muß es bloß am kürzeren Teil vor dem Querbalken ergriffen werden und davor noch das Ende des längeren Teils nach dem Querbalken fertig geschnitzt werden.

Nicht über Requisiten, die in der Wirklichkeit der Wirklichkeit als tödliche Waffen einsetzbar sind, will hier geschrieben werden, sondern über die Frage, weshalb diese Partei und vor allem der derzeitige Obmann des Schaftes FPÖ sich derart für das Christentum einsetzen.

Vielleicht sind es gerade die Stellen in dieser literarischen Nacherzählung wahrer Begebenheiten, die auch Christoph Schönborn in seiner heutigen Deutung geflissentlich nicht anspricht, vermutlich, weil es ihm sonst nicht möglich gewesen wäre, weichschön über »Liebe, Freude und Freundschaft« zu fabulieren.

In einem eigenen Abschnitt aber wird bei Christoph Schönborn wenigstens das Fragment Johannes 15, 9 bis 17 vollständig angeführt, wenn auch die folgenden Verse, die hier interessieren, in seiner werbenden Gebetung nicht angesprochen werden:

Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage. 

Ist dies die Freundschaft, wie sie Heinz-Christian Strache und Christoph Schönborn verstehen und liebhaben? Einer (gemäß diesen beiden Organisationen mit höchstens graduellen Unterschieden kann darauf verzichtet werden, Frauen ebenfalls zu nennen), einer also befiehlt, die anderen (hier jedoch organisationengemäß Männer und Frauen) müssen folgen?

Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt.

Ist dies das Wahlprinzip einer Demokratie, wie es Christoph Schönborn und Heinz-Christian Strache verstehen und es für sich lieb definieren?

Dies trage ich euch auf: Liebt einander!

Die verordnete Liebe als die besonders gelungene und garantierte ewigliche Liebe?

Johannes 15, 5 und 6 werden aber von Christoph Schönborn nicht angeführt, obgleich zu seinem veröffentlichten Fragment zwei Verse nur dazwischen sind:

Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.

Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie müssen brennen.

Sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie müssen brennen … Das allein in das Fragment aufzunehmen, hätte Christoph Schönborn wohl einige weitere Windungen abverlangt, um sein heutiges »Traumangebot Jesu« legen zu können.

Interessant aber wäre es gewesen, auch zu erfahren, mit welcher Übersetzung Christoph Schönborn arbeitet, nach welcher Übersetzung er betet und zitiert. Denn zum Beispiel heißt es in der Übersetzung, die Christoph Schönborn zitiert:

Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. […] So wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe. […] Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe.

Die gleichen Verse in der Übersetzung nach Martin Luther, Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart, 1985 lauten:

Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich euch auch. […] Wie ich meines Vaters Gebote halte. […] Das ist mein Gebot, daß ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe.

In der von Christoph Schönborn verwendeten Übersetzung aber gibt es keine gegenwärtige Liebe, nur die vergangene Liebe. Der Vater liebt seinen Sohn nicht, und der Sohn nicht den Vater. An die Gebote des Vaters sich zu halten, hat der Sohn ebenfalls aufgegeben. Und an manches Gebot der Gegenwart sich zu halten, macht vor allem dem Schaft FPÖ den Schritt schwer, auch durch seine Sehnsucht nach einem Halt, erhofft von den Geboten der Väterväter …

Was denken Wählerinnen und Wähler, welche die Ein-Paar-Stiefel-Partei bereits wählten, wieder wählen und noch wählen wollen, beim Sichten all der auch ihnen zugänglichen Aussagen, Aktionen und Leistungen, die Angehörige dieses politischen Lagers sich bisher schon geleistet haben?

Was denken Mitglieder der römisch-katholischen Kirche, die weiter Mitglieder dieser Organisation bleiben wollen, wenn sie lesen, daß deren oberster leitender Angestellter für Liebe, Freude und Freundschaft wirbt, mit einem literarischen Personal, dem die Liebe längst schon vergangen ist?

Kommen ohne Liebe nicht auch Freude und Freundschaft abhanden, die Dunkelheit in die Welt?

Und was für eine Liebe des Vaters muß diese gewesen sein, die den Vater beauftragt, den Sohn mutwillig zu verlassen, den Sohn zu belügen, Josef sei der Vater? Und was für eine Liebe der Mutter muß diese gewesen sein, die die Mutter beauftragt, ihrem Sohn Josef als Vater an die Wiege zu stellen, ihm seinen wahren Vater zu verschweigen? Es ist menschgemäß durchaus möglich, daß Maria nach ihren Berechnungen zum Schluß gekommen ist, es könne mit ziemlicher Sicherheit nur Josef der Vater sein. Und erst Josef habe mit seinem Zweifel an seiner Vaterschaft, Jesus einen anderen Vater …

Welche Wunden aber muß dieser Vater seinem Sohn bereits von seiner Geburt an mit diesem Weltvertrauen zerstörenden Verlassen gestochen haben, daß der Sohn die Liebe des Vaters derart beschwören, sich diese Liebe derart einreden muß? Und was für eine Liebe des Vaters muß diese gewesen sein, dem Sohn auch in seiner Todesstunde nicht beizustehen, den Sohn ans Kreuz genagelt und von einer Speerspitze durchbohrt wieder und wieder, wie Matthäus berichtet, gegen seinen Vater nach dem Warum des Verlasssenwordenseins schreien zu lassen …

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