Ebensee – die Metapher für Österreich schlechthin

Posted on 12. Mai 2009

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Es sollen Jugendliche im Alter von vierzehn bis sechzehn Jahren gewesen sein, die im Stollen in Ebensee sich einfanden, um ihren Willen zu bekunden, als Erben stramm bereitzustehen, die Grausamkeiten ihrer Großväter und Großmütter fortzuführen.

Und in Zusammenhang mit diesen Jugendlichen wurden nicht unbedingt absurde, aber österreichische Wirklichkeit verschleiernde  Aussagen getätigt: sie seien bisher noch nicht als Rechtsextreme, als Neonazis in Erscheinung getreten. Getreten, in Erscheinung, wird in Österreich in Geschäftskleidung in ehrenwerten Häusern der Republik.

Aber es fehlen, und es geht in diesem Blog immer um das breitest Veröffentlichte (also nie um das Gedachte und Geschriebene für den kleinsten Kreis), wiederum die entscheidenden Aussagen.

Es wurde österreichgemäß Entsetzen gezeigt, moralische Betroffenheit in der Arena der politischen Korrektheit getragen, es wurde österreichgemäß die Abscheu vor dem Nationalsozialismus verbalisiert, der Nationalsozialismus auch Dreck genannt.

Ebensee — unter dem Ebenen ein tiefschwarzroter See der Ungeheuerlichkeit, in den nicht geblickt werden will: Österreich.

Auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers entstand eine Siedlung mit Einfamilienhäusern. Am Eingang zu dieser Siedlung aber blieb erhalten, wohl gemeint als Mahnmal, als Torso der steinerne Torbogen zum ehemaligen Konzentrationslager. Vor Jahrzehnten beim Passieren dieses steinernen Tors in die Siedlung der Gedanke: hier leben Menschen friedlich beschäftigt mit dem persönlichen Fortkommen, während unter ihren Häusern verborgen liegt das Grauen, über das nicht gedacht und gesprochen werden soll. Und der Torbogentorso damals schon mehr verstanden als Versprechen, eines Tages das Grauen aus der Erde wieder herauszuholen, gegen Menschen dann, die als nicht inländische Menschen solange gebrandmarkt werden, bis endlich der österreichische Weg gegangen werden kann: zuerst ihre gesetzlich legitimierte Deportation und ihre gesetzlich legitimierte Unterbringung in Sonderanstalten im Hochgebirge und schließlich ihre gesetzlich legitimierte Vernichtung.

Der österreichische Sonntag wird stolzgern hochamtlich für moralische Reden gegen den Nationalsozialismus genutzt, aber ungenutzt bleiben, auch heute weiter, die Wochentage für die Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Denken. Wer tatsächlich einen neuerlichen Nationalsozialismus, in welcher Form auch immer, verhindern will, muß das Denken des Nationalsozialismus zerlegen. Das stumpfmoralische Schreien von Imperativen, wie dem »Nie wieder!«, hat noch nie das Schlachten verhindert. Diesen Imperativ gab es auch nach dem Weltkrieg von 1914 bis 1918. Und nach dieser Schlächterei kam wieder ein Weltkrieg, in dem die Spirale der Grausamkeit weiter, schneller und industrieller hochgeschraubt wurde.

Es wurden nun Jugendliche gefunden, die jetzt herhalten dürfen für den tapferen Antinazismus in Österreich. Und es wird bemüht verdrängt, wie Österreich realparteipolitisch funktioniert. 

Es gibt in Österreich keinen Antinazismus, es gibt in Österreich bloß ein moralisches Theater gegen den Nationalsozialismus. Und sogar dieses Theater wird nur eben, also ohne Tiefgang, gegeben, während realiter für die Sache der Rechtsextremen, die in Österreich sich liebliche und somit scheinbar harmlose und wählbare Namen zu geben verstehen, eingetreten wird, ihnen der Gang durch die Institutionen leicht gemacht wird.

Es war in den letzten Wochen allenthalben von »Umerziehung« zu lesen, aber nicht von der Weitererziehung. Von Ebensee führt nun die Reise abschließend noch nach Kärnten in die 1960er und 1970er Jahre. Es wird in den anderen Bundesländern wohl ebenso gewesen sein, wie in Kärnten, wo jedenfalls in dieser Zeit die Weitererziehung versucht wurde. Die Pflichtschüler und die Pflichtschülerinnen wurden erzogen als Weiterträger im Trachtenanzug der deutschheimatlichen Verse von dem Nationalsozialismus gläubig ergebenen Dichtern, als Weiterträgerinnen im Trachtenkleid der deutschheimatlichen Fahne mit der Inschrift Wir sind das Volk der Herren und züchten blutig den knechtschen Fremdling.

Es gilt also, nicht die Show von Minderjährigen moralisch entsetzlich zu finden, sondern das Entsetzliche des Denkens der Herren und (auffallend wenigen) Frauen der aus der einschlägig bekannten Parallelgesellschaft mit anerkannten und hoch anerkannten Positionen in Politik, Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft in der demokratischen Gesellschaft freizulegen.

Posted in: Politik