Letterblog to Martin Graf – On Manhunt

Posted on 28. April 2009

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Wer die Vergangenheit kennt, kann Ihre Partei  weder in der Gegenwart noch in irgendeiner Zukunft wählen

 

Sehr geehrter Herr Präsident NR!

Es ist durchaus nicht unwahr, daß in Österreich ein nicht zufriedenstellender Automatismus in Gang gesetzt ist, hysterisch (um dieses am 27. April 2009 in Ihrem Blog verwendete Wort aufzunehmen) zum Beispiel vor nationalsozialistischer Weiter- und Wiederbetätigung, zum Beispiel vor Rechtsextremismus zu warnen, ohne aber dabei konkret die politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen derartiger Gesinnungen auszuführen.

Wahr ist aber auch, daß, und hier schreiben Sie vollkommen die Wahrheit, es Reaktionen sind; Reaktionen auf Aktionen von Ihnen und Ihrer Partei.

Mögen es mitunter hysterische Reaktionen sein, diese jedoch haben stets den Boden, der von Ihnen und Ihrer Partei (beinahe) monopolistisch (gesagt) bewirtschaftet wird. Sie, sehr geehrter Herr Präsident NR, beklagen sich in Ihrem Artikel in der Wochenzeitung Ihres Freundes Andreas Mölzer über die Denunziation von Andersdenkenden im übelsten Propagandastil und versprechen, gegen Menschenjagd zu kämpfen.

Heute und in den nächsten Tagen sollen lediglich die von Ihnen verwendeten Wörter wie Menschenjagd, Umerziehung, Meinungsfreiheit Inhalt von Überlegungen als Fragen an Sie sein.

Welche Ihre Beweggründe es auch sein mögen für Ihre Weigerung, geistig erfassen zu wollen, daß Aktionen von Ihnen und Ihrer Partei Unbehagen, Besorgnis und Warnungen hervorrufen, sind hier nicht Gegenstand und wollen auch nicht nachvollzogen werden, die Gründe für die Hellhörigkeit aber in bezug auf Sie und Ihre Partei sollen, auch hier, erkundet werden.

Ist es für Sie nicht verständlich, daß zum Beispiel Plakate Ihrer Partei, wie vor Jahren achiffiert, gegen sogar namentlich genannte Kunstschaffende äußerst unbehagliche Erinnerungen an die Vergangenheit wecken?

Ist es für Sie nicht verständlich, daß zum Beispiel positive Aussagen eines ehemaligen Obmannes Ihrer Partei wie etwa zur ordentlichen Beschäftigungspolitik, oder das Herausstellen von ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS als anständige Menschen äußerst unbehagliche Erinnerungen an die Vergangenheit wecken.

Ist es für Sie nicht verständlich, daß Diffamierungen moderner Kunst zum Beispiel durch den in Ihrem Lager vielschreibenden Professor Marinovic äußerst unbehagliche Erinnerungen an die Vergangenheit wecken?

Ist es für Sie nicht verständlich, daß zum Beispiel Plakate und Forderungen Ihrer Partei gegen Menschen, die für Ihre Partei keine inländischen Menschen sind, äußerst unbehagliche Erinnerungen an die Vergangenheit wecken?

Ist es für Sie nicht verständlich, daß zum Beispiel Errichtungen von »Sonderanstalten« weitab von den Behausungen Ihrer als inländisch geführten Bevölkerung gegen Menschen, die für Ihre Partei keine inländischen Menschen sind, äußerst unbehagliche Erinnerungen an die Vergangenheit wecken? Und ehe Sie aufschreien können, dies sei nicht Ihre Partei, sondern das BZÖ, wird hier schon festgehalten, das ist bekannt. Aber wer um 20.30 Uhr in der FPÖ noch ist, kann schon um 20.31 Uhr im BZÖ eine führende Funktion ausüben, und wer um 9.10 Uhr noch im BZÖ eine führende Funktion einnimmt, kann schon um 9.11 Uhr eine führende Funktion in der FPÖ ausüben. Und beide Parteien zusammen üben fortwährend medialen Druck gegen Menschen aus, die für sie keine inländischen Menschen sind, und denunzieren fortwährend Menschen, die für sie keine inländischen Menschen sind, als (potentielle) Kriminelle.

Ist es für Sie nicht verständlich, daß die regelmäßig bereits über Jahrzehnte hinweg gesetzten Aktionen und Aussagen von Angehörigen Ihrer Partei in ihrer Gesamtheit es sind, die unbehagliche Erinnerungen an die Vergangenheit wecken, zusätzlich gestützt durch ihre kaum noch anders als organisationsstrukturell für Ihre Partei zu wertenden Verbindungen zu etwa nationalradikal deutschorientierten Gruppierungen.

Für heute soll es einmal genug sein, mit ein paar abschließenden Fragen noch, zu deren Klärung Sie —

Verstehen Sie es nicht als Menschenjagd, wenn auf den bereits erwähnten Plakaten ohne Zitation zwar gefragt wurde, ob die namentlich Genannten oder Kunst und Kultur gewollt werden. Ist dies für Sie keine Denunzierung der Kunst und Kultur von Kunstschaffenden, die zum Beispiel in ihrer Malerei nicht germanisch inspiriert sind, wie der von Ihrer Partei ebenfalls schon in das Parlament eingeladene Odin M. Wiesinger.   

Verstehen Sie es nicht als Menschenjagd, wenn am 27. April 2009 Michael Siedler im Blog des III. Nationalratspräsidenten für die Geschichte der Sudetendeutschen Zitate als Belege vorbringt.  Also mit dem gleichen Verfahren auf etwas aufmerksam machen möchte, wie andere, die zum Beispiel den in Ihrem Lager Vielschreibenden zitieren.

Verstehen Sie es nicht als Menschenjagd, wenn Sie durch Veröffentlichung von Dritten auf Martin-GrafAt Edvard Beneš vorhalten lassen, schlimmer als ein Kriegsverbrecher gewesen zu sein. Ist es für Sie nicht verständlich, daß diese Art einer parteilichen Geschichtsbetrachtung eine gewisse Gesinnung evozieren muß, eine Gesinnung also, die äußerst unbehagliche Erinnerungen an die Vergangenheit wecken?

Da dieser Letterblog ohnehin fortgesetzt werden muß, kann auf die abschließende Grußformel, ohne unhöflich sein zu wollen, verzichtet werden.

Posted in: Politik