Klagserleichterungen für, zum Beispiel, Martin Graf

Posted on 26. April 2009

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Anhand folgender Ungenauigkeit von George Steiner ist anschaulich zu zeigen, wie durch unverantwortlich nachlässigen Umgang mit Fakten zum Beispiel revisionistischen Gruppierungen etwelcher Provenienz (die fortwährend auf der Suche sind nach unverdächtigen Aussagen bevorzugterweise von unverdächtigen Autoritäten) es leicht gemacht werde könne, ihrer Leugnung der Shoa einen selbstverständlich nur von ihnen selbst konstruierten redlich wissenschaftlichen Anstrich zu geben. Wobei es gar nicht in einem unmittelbaren Zusammenhang mit der Shoa stehen muß; denn es geht revisionistischen Gruppierungen darum, mit jedwedem Mittel die Glaubwürdigkeit belegter Geschichtsschreibung  in Mißkredit zu bringen.

In Die Logokraten antwortet George Steiner auf die Frage, wie habe er »die jüngsten politischen Ereignisse in Österreich empfunden, mit der Rückkehr einer energischen und fremdenfeindlichen extremen Rechten«:

Mit einem nahezu physischen Entsetzen. Hitler ist, das wollen wir nicht vergessen, ein typisches österreichisches und kein deutsches Phänomen. Im Jahre 1906 ist das Wort »judenrein« vom Radfahrerclub der Stadt Linz erfunden wurden!

Es hat durchaus Witz, Radfahrer als Erfinder zu nennen — die Radfahrer von Linz aber waren es nicht.

Denn zum Beispiel: bereits 1899 schreibt Karl Kraus:

Als Herr Davis die ›Reichswehr‹ judenrein dipaulisierte, verbannte er rasch seinen früheren Helfershelfer, den Chefredacteursstellervertreter Leopold Lipschütz […]

und 1904:

Im Jubiläumstheater, dessen Schützer durch Judenreinheit […]

Martin Graf steht nicht nur treu zu seinem burschenschaftlichen Bund, sondern setzt sich auch für die Sudetendeutschen ein. Deshalb soll hier als ein weiteres Verwendungsbeispiel für das oben genannte Wort und in Ergänzung zu den auch geschichtlich versuchten Ausführungen von Martin Graf über die unbescholtene Gesinnung der Burschenschaften ein Zitat aus einer Quelle in der grafschen Heimat fließen:

Von „Ghibellinia geht, Germania kommt!“ bis „Volk will zu Volk!“ Mentalitäten, Strukturen und Organisationen in der

Prager deutschen Studentenschaft 1866–1914

Zuerst in: Sudetendeutsches Archiv München (Hrsg.),
Jahrbuch für sudetendeutsche
Museen und Archive 1995–2001, München 2001, S. 34–77

von Harald Lönnecker

Durch die Vereine kam vor allem die Wiener Studentenschaft „in Berührung mit der Judenfrage“. 1883 bezeichneten sich die ersten Verbindungen als „judenrein“. Zwischen 1886 und 1894 nahmen die meisten Burschenschaften „den Arierparagraphen in ihre Satzungen“ auf. Allerdings verlief die angedeutete Entwicklung nicht geradlinig und es gab zahlreiche Nuancen. So nahm eine der schärfsten judengegnerischen Wiener Burschenschaften, Olympia, niemals das „Waidhofener Prinzip der Satisfaktionsunfähigkeit von Juden“ – es beinhaltete das Absprechen der Ehre allein auf Grund der Tatsache des Jude-seins – an. [Hervorhebungen B.K.]

So schlicht, wie es George Steiner erzählt, ist also der Ursprung eines Wortes nicht festzumachen. Aber George Steiner ist ja auch nur erwähnt worden, um zu zeigen, wie wichtig es ist, genau zu sein, zu prüfen und erst dann mit Daten und Fakten redlich zu sprechen. Und dies nicht nur in der aktuellen und konkreten österreichischen Situation, sondern …

Wer immer, um in Österreich anzukommen, derart leicht- und eilfertig, möglicherweise auch hervorgerufen durch moralische Hysterie, zum Beispiel einen Martin Graf kritisiert, muß bedenken, daß dies zum Beispiel nur die Position eines Martin Graf stärken kann, daß dies zum Beispiel einen Martin Graf massiv unterstützen kann, jedwede berechtigte Kritik als Unsinn, als Lüge, als Unterstellung, als Verdrehung, als Hetze hinzustellen, daß dies zum Beispiel Widerrufe verbunden mit Werbeschaltung zum Beispiel für einen Martin Graf zur Folge haben kann, daß dies …

Posted in: Politik