Eine wohl zutiefst österreichische Antwort

Posted on 20. März 2009

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einer Redakteurin:

Vielen Dank für die – durchaus interessante – Information. Nur leider sind Sie bei mir bzw. der […]-Zeitung an der falschen Adresse. Wir haben darüber berichtet, dass ein Mitarbeiter […] diesen Preis erhalten hat, der in keinster Weise als „dubios“ oder politisch fragwürdig einzustufen ist, auch da ihn der Vizekanzler überreichen wird.

Dass gewisse Persönlichkeiten, die historisch nicht immer positiv aufgefallen sind, nach wie vor in diversen Nennungen, wie z.B. auch in Straßenbezeichnungen immer wieder vorkommen ist Fakt. Daher würde ich Ihnen empfehlen diese Information bzw. Ihr Anliegen direkt bei der Gesellschaft anzubringen.

die keiner Antwort mehr bedarf. Oder doch? Aber welcher? Vielleicht so einer:

Es geht nicht um den im Bericht angesprochenen Preisträger — zu ihm, der aus Unwissenheit oder Uninformiertheit nicht bekannt ist, wurde kein Wort des Zweifels geschrieben. Es geht auch nicht um den Preis an sich. Es geht auch um kein persönliches Anliegen.  Der Verein zur Förderung des Leopold-Kunschak-Preises wird sehr genau, davon kann ausgegangen werden, über seinen Leopold Kunschak informiert sein.

Es geht darum, deshalb ist auch Ihre Zeitung eine richtige Adressatin, daß in Österreich die negativen Seiten von Persönlichkeiten nach wie vor gerne ausgeblendet werden, und jeder und jede sich nur daran erfreut und darauf stolz ist, zum Beispiel einen Preis zu erhalten, auch wenn dieser nach einem radikalen Antisemiten und auch zum Zwecke seines Andenkens benannt ist. Und der Artikel in Ihrer Zeitung  ist eben von dieser Art der reduziert genehmen Berichterstattung ganz verpflichtet.

Es gibt in Österreich bloß diese eine Tradition: zu schönen, zu verschweigen, sich persönlich angegriffen zu fühlen, alles ausschließlich auf sich zu beziehen, jede Zuständigkeit weit von sich zu weisen. Und daraus resultierend die Unfähigkeit und der Unwille zum Abstrahieren.

Ob Ihr aktueller Preisträger oder der Preis an sich dubios oder politisch fragwürdig einzustufen seien, ist also gänzlich unwichtig. Es geht einzig darum, vollständig zu informieren, auch über einen Namensgeber für einen Preis. In anderen Ländern ist das durchaus üblich. Zum Beispiel wird aktuell in Norwegen aus Anlaß des 150. Geburtstages von Knut Hamsun seine Verflechtung mit dem Nationalsozialismus offiziell nicht verschwiegen. In Österreich würde man heute, 2009, noch mehrheitlich dazu tendieren, zum Beispiel diese Seite, so gut es irgend geht, bei einem Jubiläum offiziell und breit zu verschweigen.

Und wenn Sie die politischen Entwicklungen in Österreich auch anhand der Wahlerfolge gewisser Parteien verfolgen, ist es um so mehr notwendig darauf hinzuweisen, welchen historischen Persönlichkeiten ehrend in diesem demokratischen Staat von einer Regierungspartei gedacht werden will.

Und was wollten Sie  mit dem Hinweis sagen, es werde der Preis ja durch den Vizekanzler überreicht werden? Daß dann alles gut und alles in Ordnung und alles sauber sei? Vizekanzler Josef Pröll und seine Partei haben erst vor kurzem wesentlich dazu beigetragen, Dr. Martin Graf zum 3. NR-Präsidenten zu machen.

Vielleicht loben NR-Präsident Graf, die Burschenschaft Olympia, die Österreichische Landsmannschaft demnächst gemeinsam einen Jörg-Haider-Preis mit wortidenten Vergabekriterien aus. Und dann könnten sich wieder viele Preisträgerinnen und Preisträger, die alle selbstverständlich nicht dubios und nicht politisch fragwürdig sein werden, freuen, ihre Arbeiten derart durch einen nicht dubiosen und nicht fragwürdigen Preis ausgezeichnet zu sehen. Es ist doch ein menschgemäßes Begehren, die eigene Arbeit belohnt zu bekommen. Und was erst für eine Freude, die Auszeichnung direkt vom Vizekanzler erhalten zu dürfen. Oder ist es bloß ein sehr österreichisches Verhalten, bei Lob durch den Herrn nicht zu fragen, wessen fragwürdiges Andenken zum Beispiel auch durch eine unreflektierte Annahme eines Preises fortgeschrieben wird?

Vielleicht ist es aber für Sie erforderlich, einfach brutal zugespitzt zu formulieren, worum es bei dem Schreiben an Sie einzig ging? Würden die Preisträger und Preisträgerinnen auch einen Adolf-Eichmann-Preis bei mit dem Leopold-Kunschak-Preis wortidenten Vergabekriterien annehmen und von einem Vizekanzler überreicht bekommen wollen?

Posted in: Politik