Hinaus mit dem Antisemiten

Posted on 11. März 2009

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Könnte gerufen werden,
aber von wem — in Österreich

Von den Preisträgerinnen und Preisträgern selbst wird es eingedenk der menschgemäß eitlen Freude mit Urkunden also nicht zu erwarten sein, ihre Auszeichnungen angemessen einzuschätzen und diese dann beispielsweise abzulehnen. Und ein Preisträger des heurigen Jahres, nämlich Dr. Andreas Unterberger, wird eher gerne dankend in der Verleihung im Parlament ausrufen wollen: Herein mit ihm! Auch mit Dr. Herbert Schaller. Dem Ruf in die »Wiener Zeitung« ist dieser ja schon gefolgt. Es wird wohl nicht mehr allzu lange dauern, bis das Parlament für ihn und seine Kreise breitest geöffnet, es diesen also gänzlich überlassen werden wird. Nicht nur ein noch an dritter Stelle gelegener NR-Präsident arbeitet dem fleißig zu.

In Österreich ist der Ruf Herein! ein sehr selten bis gar nicht zu hörender, dafür aber hat der Ruf Hinaus! eine gute christliche Tradition, die auch Leopold Kunschak bewußt pflegte, zum Beispiel im Parlament des Jahres 1920, als er forderte, die Juden hätten auszuwandern oder sonst unverzüglich in Konzentrationslager … Und nach der Shoah, als Leopold Kunschak darauf beharrte und daran weiter stolz festhielt, Antisemit zu sein.

Auf dieser Lagerstraße der Überzeugung, unbefleckt von Schuld zu sein,

Während Kunschaks antisemitische Äußerungen in der österreichischen Presse ignoriert wurden und politische Beobachter ihnen keine besondere Bedeutung beimaßen,50 schrieb die in New York erscheinende Zeitung »Der Aufbau« den im Frühjahr 1946 wachsenden Antisemitismus dieser Agitation zu: »Wenn man bedenkt, daß Leopold Kunschak, ›der Streicher von Österreich‹ unter der neuen Regierung den wichtigen Posten eines Parlamentspräsidenten innehat und daß derselbe Kunschak, von seiner traurigen Vergangenheit als einer der übelsten österreichischen Radau-Antisemiten abgesehen, auch im neuen Österreich in Reden proklamieren konnte, daß ›die polnischen Juden nicht nach Österreich kommen sollen, wir Österreicher brauchen aber auch die anderen nicht!‹ […] und ›Ich bin immer ein Antisemit gewesen und bin es auch heute noch!‹ – so braucht man sich über diese ›losgelassene Volkswut‹ nicht zu wundern.«51

51 Der Aufbau, 16. 4. 1946. Bestätigung des Sachverhaltes im Bericht der Generaldirektion für die öffentliche Sicherheit an Generalsekretär Wildner, Bundeskanzleramt, Auswärtige Angelegenheiten, 26. 9. 1946. Österreichisches Staatsarchiv, Wien (ÖStA), Archiv der Republik (AdR), BKA.-AA., Sekt II Pol.-1946, GZ. 111.844-pol/46. Kunschak hielt diese Rede am 14. 9. 1945.

die für Österreich weiterhin identitätsstiftend als seine Staatsgasse kartographiert ist,

[…] sein christlichsozialer Gegenspieler Leopold Kunschak riet den Arbeitern, sie sollten sich stattdessen an Kraut und Kartoffeln gütlich tun, wenn das Geld für Fleisch nicht reiche.

http://www.parlament.gv.at/BE/PGEB/ENTBEG/HISSAAL/show.psp?P_TEXT=22&P_MEHR=J

in die nun auch zur Sozialrevision tauglich ausgerufenen Wirtschaftskrise ist Leopold Kunschak nach wie vor einer der zum Nacheifern anerkannten Führer und noch zu Seligsprechender (nicht nur) der christlich-sozialen heilsverkündenden Vorsehung. Kraut und Kartoffeln sollen, davon könnte zum Beispiel Veit Sorger als einer der Nachgänger auch schon gehört haben, ja sehr gesund sein. Daher können, nein, müssen seine propagierten notkollektivvertraglich verordneten stattlichen Lohnkürzungen raschest zum Wohle der Menschen vorgenommen werden. Und dafür allein ist Veit Sorger, falls er nicht schon ein Leopold-Kunschak-Preisträger ist, ein erster Anwärter für einen Leopold-Kunschak-Preis, genauso wie Karlheinz Kopf, der das Programm der Not mit seiner Warnung davor, jetzt Arbeitslosigkeit finanziell attraktiver machen zu wollen, vervollständigt sehen möchte.

Und wo Glaube und Hoffnung bestehen, Not und Elend zur unterwürfigen Lobpreisung des Herrn endlich wieder herstellen zu können, ist es auch nicht mehr notwendig, etwa in Bildung zu investieren. In solchen Zeiten ist es wichtig weil unterstützend, die für den Herrn, Karlheinz Kopf, moralisch so wichtige und nicht missen möchtende Kirche durch Verdoppelung der steuerlichen Absetzbarkeit der Kirchenbeiträge zu stärken. Damit die Kirche wieder ein unangefochten mächtiges Bollwerk für die besitzenden Führer in der Haltung eines für sie bequemen sozialen Friedens zur Befriedigung ihres Neidtums werden kann. Wer braucht denn schließlich Fleisch, wenn ihr und ihm nahrhafte Hostien gegeben werden, die er und sie kniend empfangen dürfen mit dem Trost, werde dereinst im Himmel …

Aber den Preisträgerinnen und Preisträgern ist dennoch herzlich zu gratulieren. Und sie brauchen sich auch keinen Kopf zu machen; denn Leopold Kunschak verfolgte doch nur, wie der Presseaussendung zu entnehmen ist, ausschließlich ehrenwerte Ziele. 

Alles andere ist bloße Geschichte, die in Österreich weiter nur angezogen in der Kirchgangstracht zum Bürgermeisterwirten ausgeführt werden darf.

Die Leopold Kunschak-Preise werden zum Gedenken an den Begründer der christlich sozialen Arbeitnehmerbewegung, ersten Nationalratspräsidenten der Zweiten Republik und ersten Bundesparteiobmann der Österreichischen Volkspartei vergeben. Ausgezeichnet werden Arbeiten auf den Gebieten der Wissenschaft und der Publizistik, die das Verständnis für die Grundlagen und das Wesen der Demokratie, für das friedliche Zusammenleben der Völker, für die Tradition und Aufgabe der christlichen Arbeitnehmerbewegung oder für das Zusammenwirken und den Interessensausgleich zwischen den Sozialpartnern fördern.

http://www.ots.at/presseaussendung.php?schluessel=OTS_20090310_OTS0159

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