Strukturpropaganda gegen Demokratie in der Demokratie

Posted on 13. Februar 2009


Wie hysterisch schnell auf eine als die Islam-Studie verkaufte Dissertation reagiert werden kann — es sollen zwei Länder für religiös geprägte Staaten hier als Beispiel dienen  —, durfte in den letzten Tagen in Österreich, aber ohne Erstaunen, erlebt werden. Und auch, wie hysterisch schnell ein Religionslehrer suspendiert werden kann.

Denn es ist kein römisch-katholischer Religionslehrer, der suspendiert wurde. Und es ist keine Dissertation, mit der die Demokratiefähigkeit römisch-katholischer Lehrer erkundet wurde.

Wie gelassen großherzig aber wird seit Jahrzehnten in der zweiten Republik geduldet, daß Angestellte eines absolut regierten und somit gänzlich undemokratischen Staates unterrichten dürfen.

Wie gelassen großherzig aber wird seit Jahrzehnten in der zweiten Republik erduldet, daß in ihrem Religionsunterrichtsgesetz die Verpflichtung festgeschrieben ist, das »Kreuz« in allen Schulklassen aufzuhängen, wenn »die Mehrzahl der Schüler einem christlichen Religionsbekenntnis angehören«.

Und das Kreuz hängt nicht nur zur Religionsunterrichtszeit, sondern auch zu jeder Zeit als freiwilliger Werbebanner in allen Schulklassen, diktiert für eine einzige Religion, für die Mehrheitsreligion in Österreich.

Wie sehr gefestigt also kann ein römisch-katholischer Religionslehrer als Demokrat sein, wenn er sich freiwillig und ohne Not einem Dienstgeber hingibt, in dessen Grundgesetz mit Inkrafttretung 2001 gleich der erste Artikel unmißverständlich anordnet:

Der Papst besitzt als Oberhaupt des Vatikanstaates die Fülle der gesetzgebenden, ausführenden und richterlichen Gewalt. 

Gläubige könnten einwenden, das gelte nur innerhalb der Mauern des Vatikanstaates und habe nichts mit Religion zu tun. Demokratisch gesinnte Menschen können mit dem unmittelbar vor diesem Artikel 1 stehenden Vorspann antworten:

Um daher den besonders für die Freiheit des Apostolischen Stuhls verbürgenden Staat, durch den die tatsächliche und sichtbare Unabhängigkeit des Papstes in der Ausübung Seiner Weltmission [Hervorhebung B. K.] gewährleistet wird, immer mehr seiner institutionellen Zweckbestimmung näherzubringen, hat der Papst aus eigenem Antrieb und sicherem Wissen im Vollbesitz Seiner höchsten Autorität, das nachfolgende Gesetz promulgiert […]

Und demokratisch gesinnte Menschen können das österreichische Religionsunterrichtsgesetz zusätzlich heranziehen, in dem es u.a. heißt:

Alle Religionslehrer unterstehen hinsichtlich der Vermittlung des Lehrgutes des Religionsunterrichtes den Vorschriften des Lehrplanes und den kirchlichen (religionsgesellschaftlichen) Vorschriften und Anordnungen […]

Die Lehrpläne für den Religionsunterricht werden hinsichtlich des Lehrstoffes und seiner Aufteilung auf die einzelnen Schulstufen von der betreffenden gesetzlich anerkannten Kirche oder Religionsgesellschaft im Rahmen der staatlich festgesetzten Wochenstundenzahl für den Religionsunterricht erlassen […]

Der Religionsunterricht wird durch die betreffende gesetzlich anerkannte Kirche oder Religiongesellschaft besorgt, geleitet und unmittelbar beaufsichtigt […] 

Es ist daher nicht notwendig zu fragen, welche Positionen ein einzelner römisch-katholischer Religionslehrer im Unterricht verbreitet, sondern,

ist es in einer Demokratie strukturell tragbar, Lehrer und Lehrerinnen von einem absoluten und also gänzlich undemokratisch regierenden Dienstgeber unterrichten zu lassen?

ist es in einer Demokratie strukturell tragbar, Werbung für einen absolut und also gänzlich undemokratisch regierten und von Missionseifer heimgesuchten Religionsstaat gesetzlich verankert zu haben?

ist es in einer Demokratie strukturell tragbar, fiskalische Anreize, wie eben erst von der österreichischen Regierung beschlossen, noch zu verstärken, um einem absolut und also gänzlich undemokratisch regierten, Wahrheit und Vernunft lästernden Religionsstaat einen Vorteil beim Anwerben von neuen Mitgliedern anzudienen?

ist es in einer Demokratie strukturell tragbar, daß beispielsweise in dem Lehrplan für den katholischen Religionsunterricht in Volksschulen keinmal Demokratie vorkommt?

Moses aber steht auf dem Lehrplan für den katholischen Religionsunterricht in Volksschulen. Ob die römisch-katholischen Lehrer mit Moses im Unterricht eifern: »Töte Deinen Nächsten«?

Haben die hysterisch Schnellen in Österreich denn nicht davon gehört, gelesen, sich darüber informiert, wie rasch Katholiken — von den Bischöfen bis zu den Priestern, Nonnen, Katecheten — diesen Tötungsbefehl zu ihrem christlichen Imperativ und zum Leitsatz ihres Handelns ausrufen können? Und es wird hierbei nicht an die grausame Kirchengeschichte gedacht, von der so geflissentlich versucht wird abzulenken, u.a. mit dem Hinweis, diese habe mit der heutigen Kirche nichts mehr zu tun, die Kirche heute habe sich gewandelt … Sondern, es wird hier konkret an die Lebenszeit der hysterisch Schnellen gedacht. Um für dieses Bedrohungspotential überall auf der Welt zu jeder Zeit auch ein blutiges Beispiel aus ihrem Heute anzuführen: Ruanda.

Aber auch Paulus steht auf dem Lehrplan für den katholischen Religionsunterricht in Volksschulen. Ob die römisch-katholischen Lehrer mit Paulus im Unterricht ihr rechtes Verständnis von Demokratie vermitteln: »Unser Bürgerrecht aber ist im Himmel«?

Aber wie halten es römisch-katholische Lehrer mit der Gesetzgebung der demokratischen Republik Österreich? Schreibt doch Paulus, dessen Jahr gerade von ihrem Dienstgeber offiziell gefeiert wird, und der Papst Benedikt XVI. heute noch ein Lehrer ist:

Denn Christus ist des Gesetzes Ende; wer an den glaubt, der ist gerecht.

Und was hält die demokratische Republik Österreich als Gesetzgeberin davon?

Wer will schon danach fragen, gilt es doch, die römisch-katholische Mehrheit im Land zu erhalten und zu verbreitern, und nicht die Demokratie, und nicht die Demokratie …

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