Österreich und seine Tradition

Posted on 8. Februar 2009


Diese Beschreibung ist aus 2003. Manche Funktionsträgerinnen haben ihre Positionen gewechselt. Andere Träger wiederum sind aufgestiegen. Wesentliches im Umgang mit der extremen Rechtslastigkeit in Österreich aber hat sich nicht geändert. So kann trostlos darauf verzichtet werden, diesen Waschzettel zu ändern, aber nicht auf die Erinnerung — insbesondere an die Jahre seit 2000.

In Gefangen, auch im Erinnern muß nicht, wie in Romanen üblich, literarisch versucht werden, politische Wirklichkeiten nachzuzeichnen – die parteipolitische Gegenwart schreibt sich selbst durch ihre derzeitigen österreichischen Funktionsträger: Andreas Khol, Gottfried Feurstein, Peter Westenthaler gestalten mit ihren Antworten ihre Kapitel selbst; Thomas Klestil, Wolfgang Schüssel, Ernst Strasser, Susanne Passer und Jörg Haider machen ihre Mitarbeiter zu ihren Erzählerinnen. Es wird also nicht überraschen, daß die inhaltliche Substanz dieser Abschnitte gleich null ist – Bedeutung erlangen sie aber im Verbund mit den ihnen brieflich vorgelegten Fakten.

Menschgemäß verlangt der Titel es schon, auch in die Geschichte zu gehen, aber das Vergangene kommt ausschließlich in bezug auf seine Relevanz für die Gegenwart und seine Bedeutung für und seine möglichen Auswirkungen auf die Zukunft vor. Es geht also in keiner Weise darum, einmal mehr die Verbrechen des Dritten Reiches auf die Bühne der Tugendhaften zu zerren, die zweite Hauptrolle Österreich zu verreißen, sondern zu zeigen, wieviel Zeit es bedarf, bis nationales Unrecht, das im nachhinein immer niemand wollte, in seinem gesamten Ausmaß tatsächlich Wirklichkeit wird, und wieviel Zeit es danach wiederum bedarf, bis nationales und ethisches Unrecht eingestanden wird. 

 

Gefangen, auch im Erinnern ist nicht zu lesen als eine Abrechnung mit der derzeitigen österreichischen Regierung, auch nicht als eine Kritik an Österreich, sondern als ein Versuch, dem Schein der Zweiten Republik, dessen Geburt mit der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung am Freitag, dem 27. April 1945, in der Blaimschein-Villa, dessen Besitzer bis 1938 ein im gleichen Jahr aus Österreich vertriebener jüdischer Margarinefabrikant war, präzise datiert werden kann, die Todesurkunde auszustellen.

Posted in: Politik